zurück

Viel Gestrüpp und viel Wasser

Wümme gesamt am 13. und 14. Juli 2004

Eigentlich sollte es ja eine einwöchige Fulda-Fahrt werden, aber der Sommer 2004?! Wir haben weise verzichtet und die Alternative Wümme-Gesamt-Tour gewählt. Die hätte man jederzeit abbrechen und nach Hause fahren können.
Am Dienstag, 13. Juli, wurden wir (Jochen und ich) an der Scheeßeler Mühle abgeliefert. Es regnete, als wir die Boote unterhalb der Mühle bepackten und gegen 12 Uhr ablegten. Doch unsere Stimmung war gut, und wir staunten über den üppigen Bewuchs an und in der Wümme. Es floss erheblich mehr Wasser den Fluss hinunter als sonst, was uns zwar das Paddeln erleichterte und zu flotter Fahrt verhalf, aber in dem reichlich vorhandenen Gestrüpp und Bewuchs auch Probleme machte. Gelegentlich bekamen wir die erforderliche S-Kurven-Fahrt in der flotten Strömung mit unseren voll beladenen Wanderbooten trotz exzellenter Fahrtechnik einfach nicht hin und mussten uns anschließend mühselig aus dem Gewusel von Ästen, Zweigen und zusammengeballtem Treibsel befreien. Da durchdrang schon mal ein halblauter Fluch die Stille der einsamen Wümmelandschaft.
Scheeßel, Muehle Kurz vor Rotenburg der erste Schwall, ein renaturiertes Wehr, den wir (wie auch alle folgenden) wegen des hohen Wasserstandes ohne jede Berührung durchfahren konnten. Die Schwälle der Übungsstrecke in Rotenburg waren fast überflutet und boten nur schnelle Strömung.
Das Wehr Unterstedt (das erste von fünf Staustufen)  mussten wir umtragen, wie auch das letzte der fünf Wehre. Die anderen drei ließen sich fahren, beschloss Jochen und fuhr hinunter, und ich todesmutig hinterher. Das war für mich eine ganz neue Erfahrung, so über die Kante kippen, mit dem Bug ins Unterwasser eintauchen, dann rutscht das Heck nach, taucht unter, und am Ende kommt die ganze Fuhre wieder wie ein auftauchendes U-Boot an die Oberfläche. Kleiner Tipp: Wenn man die Spritzdecke gut hochzieht, verzichtet man freiwillig auf eine kostenlose Abkühlung.
Nach wenigen Kilometern tauchte rechts der Campingplatz Everinghausen auf, normalerweise Übernachtungspunkt für solche Fahrten, weil es auch kaum weitere gibt. Wir hatten aber die Info, dass man bei den Ottersberger Kanuten übernachten kann und wollten dorthin. Die Nachfrage bei einem kundigen Einwohner ergab aber, dass man die Boote einige hundert Meter weit schleppen müsste, um zum Bootshaus zu gelangen. So beschlossen wir, weiter zum Hexenberg zu fahren, um dort unser Glück zu versuchen.
Auf der Strecke hinter Ottersberg (für mich eine Erstbefahrung) gab es wieder mehrere Schwälle und viel Gestrüpp. Auch hier bietet die Wümme ständig neue Eindrücke: offene Wiesenlandschaften, breite Schilfgürtel, malerischen Uferbewuchs oder die völlige "Überdachung" durch Büsche und Bäume.
Bei Fluss-km 63,8 teilt sich die Wümme in Mittel- und Nordarm. Nach etwa 5 km auf dem Nordarm erreichten wir den Campingplatz Hexenberg, wo der Ausstieg in flotter Strömung an einem steilen Ufer schwierig ist. Es war mittlerweile fast 20 Uhr, die Verwalterin war nicht mehr da, aber ein Dauercamper lieh uns seinen Schlüssel für das neu erbaute moderne Dusch- und Toilettenhaus, so dass wir uns nach ca. 8 Stunden und 47 km die feuchten Paddelklamotten ausziehen und eine warme Dusche nehmen konnten.
Das Zelt wurde aufgebaut und "möbliert", etwas gegessen und ein Bierchen getrunken, und nicht viel später lagen wir in der Horizontalen und schliefen durch bis zum Morgen.
Am nächsten Morgen schien warm die Sonne! Wir konnten unsere Sachen auf dem Gras ausbreiten, es wurde alles trocken, auch das Zelt konnte trocken eingepackt werden. Wir bezahlten, brachten den Schlüssel vereinbarungsgemäß zu den inzwischen ausgeflogenen Campern zurück, was von einem Nachbarn misstrauisch beäugt wurde. Nachdem ich ihm alles erklärt hatte, war er beruhigt. Ein weiterer hinzu gekommener Dauercamper jedoch hasst offenbar Paddler, denn der wollte Paddeln auf der Wümme generell verbieten lassen, weil die Weser eh viel größer sei und es keinerlei Grund gebe, hier zu paddeln und ihn zu stören.
Gleich nach der Abfahrt vom Hexenberg sahen wir eine weitere Möglichkeit zum Übernachten, diese dann auch mit einer fast schon komfortablen Aussteigemöglichkeit. Beide Plätze sollen paddlerfreundlich sein, beim nächsten Mal testen wir dann den zweiten.
Wieder mussten wir uns zunächst durch viel Gebüsch kämpfen, etliche Schwälle durchfahren und mehrfach raten, welcher Wümmearm der richtige ist. Aber heute schien die Sonne und die Regenjacke steckte geknäuelt im Gepäcknetz!
Irgendwann wird der Fluss breiter und man bemerkt den Tideneinfluss. Nach der Borgfelder Heerstraße war der Ebb-Zustand der Wümme offensichtlich, das Wasser begann wieder aufzulaufen. Auf der Wümme gegen den Flutstrom zu fahren ist eine gewaltige Ackerei, die wir uns ersparen wollten. Entweder hätten wir ein paar Stunden rasten müssen oder: Nach ca. 2,5 Kilometer fuhren wir in die Einfahrt zum Kuhsiel und umtrugen hier in den Kuhgraben. Wir hatten immer noch Sonne, doch es zog wieder mehr Bewölkung auf. Durch den Kuhgraben fuhren wir in die kleine Wümme am "Monte Klamotte? vorbei bis zum Dammsiel, wo wir die Pause bis zur nächsten Schleusung nutzten, um eine Kleinigkeit zu essen. Dabei wurden wir sehr aufmerksam von einem hübschen Bernhardiner-Schäferhund-Mischling beobachtet, dem ich ohne weiteres zugetraut hätte, dass er nach Yogi-Bär-Manier auch mal klaut.
Wieder auf der Wümme, hatte inzwischen der erste Strom des ablaufenden Wassers eingesetzt, so dass wir ganz entspannt Richtung Lesum fahren konnten. Dort blies ein kräftiger Gegenwind, und bald darauf setzte der versehentlich unterbrochene Sommerregen des Jahres 2004 wieder ein. Der blieb uns bis zum TURA-Anleger treu und hörte schon gar nicht auf, als klar wurde, dass dort niemand war, der uns die Türen öffnen könnte. Auch telefonisch war niemand erreichbar, daher beschlossen wir, hier abzubrechen und uns abholen zu lassen. Eigentlich hatten wir vorgehabt, am nächsten Tag auf Lesum und Weser bis zum BKW zu fahren.
So haben wir jetzt die Wümme (fast) gesamt gefahren in zwei Tagen, haben dabei rund 80 km zurückgelegt, wieder viele freundliche und auskunftsbereite Menschen (bis auf einen!) kennengelernt und die vielfältigen Gesichter dieses schönen Flusses gesehen. Eine Tour zum Nachmachen und Wiederholen, möglichst bei freundlicherem Wetter und bis zum heimatlichen Bootshaus.


Uwe Karsten

zurück | nach oben