
Eben, beim Einsetzen der Einer-Kajaks und des Zweier-Kajaks auf
Höhe des Radarturms auf Harriersand, der Weserinsel, war es noch trocken,
wenn auch windig. Nun kämpfen wir uns über die Weser an das linksseitige
Ufer. Als wir zur Querung der Schifffahrtsstraße ansetzten, hatten wir
gute Sicht und beschlossen hinter dem stromaufwärts fahrenden Frachter
die Uferseite zu wechseln. Doch das Wetter gibt sich wetterwendisch. Der Regen
peitscht uns ins Gesicht, der Wind stürmt aus Südwest und die Sicht
beträgt vielleicht dreißig Meter. Der Wind steht gegen die Tide,
so dass es zu heftiger steiler Wellenbildung kommt und mensch sich schon sehr
ins Zeug legen muss. Ungemütlich und Respekt einflößend begegnet
uns die Weser heute.
Eine geruhsame Vereinsfahrt am Sonntag war geplant. In aller Ruhe und Beschaulichkeit
sollte es von Harriersand mit der Tide stromaufwärts bis zum Fähranleger
Motzen gehen, dann Umtragen in den Motzener Kanal, von dort in die
Ollen, später in die Hunte und wieder in die Weser
flussabwärts mit ablaufendem Wasser. Diese Rundtour wird auch Stedinger
Rundkurs genannt, denn das Land nördlich von Bremen rechts und links
der Weser ist das Stedinger Land, dessen Namensursprung sich von Gestade
ehemaliges Sumpfland, das von den Friesen urbar gemacht wurde ableitet.
Wir bleiben dicht beieinander und erreichen sicher die andere Uferseite. Der
Regen legt eine Pause ein und wir wagen einen Blick auf die Weite der Unterweser
unter unseren Südwestern hervor. Dieser geniale Hut, der Südwester,
wird für die kommenden zwei Stunden das entscheidende Bekleidungsstück
sein. Wir fahren wie an einer Perlenkette aufgereiht am Tonnenstrich, um die
Strömung optimal ausnutzen zu können. Vorbei geht es am U-Boot-Bunker
Valentin in Farge, der ein Mahnmal der jüngeren Geschichte ist, denn er
wurde von Kriegsgefangenen eines Arbeitslagers während des 2. Weltkrieges
errichtet. Gleich nebenan befindet sich das Kraftwerk Farge, das eine Bruttoleistung
von 350 Megawatt hat.
Schon 1220 kommt es bei Farge zu einer denkwürdigen Begebenheit. Erzbischof
Gerhard der Zweite von Osnabrück erbaut bei Farge das Witte Slott,
um eine Durchfahrtsgebühr nach Bremen zu erheben. Er lässt die Weser
durch Pfähle sperren, und die Durchfahrt mit einer Kette schließen.
Daraufhin segeln die Bremer mit einer großen Kogge die Weser herunter
und zerreißen die Kette. Wir haben solche Schwierigkeiten nicht. Die störungsfreie
Durchfahrt ist bis auf den Regen gewährleistet.
Während der weiteren Fahrt taucht die Hegemann-Werft rechter Hand auf,
doch wir bewundern am anderen Ufer die Berggrundstücke mit ihren schönen
Häusern.
Das Aussteigen am Fähranleger Motzen verläuft problemlos und im Nu
sind die Räder unter die Kajaks montiert. Bis zur Einsatzstelle
des Motzener Kanals sind es ca. 200 Meter die wir unsere Gefährte über
Asphalt rollen müssen. Der Himmel belohnt unsere Wetterfestigkeit
mit zaghaft aufblitzenden blauen Fleckchen und bis zum Ende unserer Tour wird
es keinen Regen mehr geben, wenn auch die geschlossene Wolkendecke eher angesagt
ist.
Schon bald säumen Wiesen die Ufer und wir sind eine willkommene Abwechslung
für die einmalig neugierigen Kühe und Rinder. Ich denke mir, dass
es doch lustig wäre, einen Wettlauf mit ihnen zu veranstalten und so spreche
ich mit ihnen und rufe lockend: Kommt, kommt!. Erst setzt sich ein
Rind in Bewegung, dann folgt zögerlich ein weiteres Rindvieh, dann ein
Drittes und schon verfällt sich die gesamte Herde in einen Eilschritt.
Sie laufen parallel zum Kanal und wir müssen uns richtig ins Zeug legen,
nicht abgehängt zu werden. Am Ende ihrer Weide bleiben sie stehen und wir
verabschieden uns winkend.
Wir gleiten in die Ollen, deren Name sich von ein altes Wasser
= Aldena ableitet. Die Ufer des Flusses sind mit gelb blühenden
Lilien und weißen und rosa Heckenrosen bestanden. So ruhig dahin ziehend
auf der geschützten Ollen es wird fast frühlingshaft warm
wandern meine Gedanken in die Geschichte des Stedinger Landes.
Im 12. Jahrhundert wurden hier überwiegend Friesen angesiedelt, die das
bis dahin ertraglose Marsch- und Bruchland in fruchtbares Ackerland verwandeln
sollten. Als Anreiz der Besiedlung wurden den Siedlern zahlreiche Zugeständnisse
in Hinsicht auf Selbstbestimmung und besonders niedrige Abgaben gemacht. Anfang
des 13. Jahrhunderts hatte sich Stedingen zu einer wohlhabenden und weitgehend
unabhängigen Bauernrepublik entwickelt. Die Bildung politischer Strukturen
rührte teilweise daher, dass sie, um ihre Arbeit im Deichbau und der Entwässerung
bewältigen zu können, sich in genossenschaftsähnlichen Strukturen
zusammen gefunden hatten.
Als die Bremer Erzbischöfe und Oldenburger Grafen versuchten, ihren Einfluss
in Stedingen zu vergrößern, kam es im Jahr 1204 zum Aufstand. Etwa
um 1228 exkommunizierte Erzbischof Gerhard der Zweite die Stedinger. Im Jahr
1232 gelang es ihm sogar, den Papst zu überzeugen, die Kreuzpredigt gegen
die Stedinger auszurufen. Das bedeutete, der Erzbischof konnte alle Menschen
aufrufen, gegen die Stedinger vorzugehen, wofür es als Lohn Beute und den
Ablass aller Sünden gab. Ein erstes Heer von Kreuzfahrern zog daraufhin
1233 gegen die Stedinger, das aber von den Stedingern zurück geschlagen
wurde. Das Motto der Stedinger bei den kriegerischen Auseinandersetzungen war:
Lewer dod as slav. Erst am 27. Mai 1234 gelang es dem Erzbischof
in einem zweiten, größeren Kreuzzug, die Stedinger in der Schlacht
bei Altenesch zu besiegen.
Ich bewege mich gedanklich noch im Mittelalter, als plötzlich Unruhe in
der Paddelgruppe entsteht. Es wird gerufen und die ersten beiden Boote weichen
an den äußersten Ufersaum aus und quetschen sich am Ufergrün
längs. Bald ist der Grund zu erkennen: über der gesamten Breite des
Flusses sind Angeln ausgelegt, die befestigt an einem Steg herrenlos ihrer
Aufgabe nachgehen. So wende auch ich meine Aufmerksamkeit wieder mehr
dem Hier und Jetzt zu. In der Ollen sind teilweise auch Reusen ausgelegt, die
aber gut von weitem erkennbar sind. Schon taucht Berne, ein Ort mit 7800 Einwohnern,
gelegen am alten Handelsweg Oldenburg-Bremen, auf und wir müssen unsere
Kajaks ca. 50 Meter weit umtragen, was hier ein Leichtes ist. Berne begeht einmal
im Jahr das Ollenfest, an dem eine Wettfahrt in Drachenbooten stattfindet.
Zügig paddeln wir weiter und schon bald wird die Ollen breiter, wir nähern
uns der Hunte. Bei Dreisielen fließt der Hunte-Altarm in die Ollen und
zwei Kilometer weiter erblicken wir das Lichtenberger Siel und den Deich der
Hunte. Die Aussetzstelle ist bequem, was danach folgt weniger: wir müssen
unsere Kajaks über die Weiden den Gras bewachsenen Deich hochzerren, zwei
Weidegatter überwinden, um auf der anderen Deichseite sachte wieder die
Boote runter zu rollen. An der Hunte angekommen stellen wir fest, dass das Einsetzen
recht schwierig wird. Entweder heißt es mit dem Kajak abschüssig
auf Schlick ans Wasser zu gelangen oder die Steinschüttung mit den Booten
zu überwinden. Nachdem uns dieser Kraftakt des Umtragens und der akrobatische
Akt des Zu-Wasser-Lassens gelungen ist, paddeln wir die restlichen 7 Kilometer
auf der unteren Hunte, passieren das offene Sturmflutsperrwerk und kehren auf
die Weser zurück. Nach sieben Stunden und 38,5 Kilometer Flusswandern ziehen
wir für heute die Boote endgültig aus dem Wasser.