Fundstücke

Februar 1930

Flußkanalisierung

... langsam aber sicher erfaßt sie manchen unserer schönsten Flüsse - nicht zur Freude des Faltbootwanderers, aber zum Wohle unseres Volkes, für das billige Verkehrswege und Krafterzeugung Lebensnotwendigkeiten sind. Die Lahn ist vorläufig bis Limburg kanalisiert, am Main und Neckar reiht sich nach und nach einen Staustufe an die andere. Die Vorarbeiten für die Kanalisierung der Weser zwischen Bremen und Minden, sowie der unteren Werra bis in die Gegend von Eisenach sind so ziemlich abgeschlossen. Noch vor wenigen Jahren gab es wellig rauschende "Strömungen" in der Werra, wo jetzt die mächtigen Stauwerke am "Letzten Heller" und bei Spichra etliche Kilometer langen Stau erzeugen. Selbst dem Donaustrom und dem Inn hat man Fesseln angelegt.
Wir können diese Entwicklung nicht aufhalten, wohl aber tatkräftig darauf hinarbeiten, daß die für uns durch diese Umformung der Flußläufe entstehenden Nachteile weitmöglichst gemildert werden - sei es im Rahmen der neuen Arbeitsgemeinschaft, durch den Wasserstraßenbeirat, durch den Verband unmittelbar oder auch durch die Vereine und einzelne unserer Mitglieder.
Beim gestauten Fluß machen sich Verunreinigungen, sei es durch städtische Abwässer oder solche von Industrieunternehmungen, durch Schmutzöl von Motorschiffen und Baggern oder auch durch hineingeworfenen Unrat (Kadaver!), naturgemäß viele unliebsamer bemerkbar, als bei den freien Gewässern. Die maßgebenden Stellen müßten schon bei der Durchführung der Kanalisierungen diesen Punkten ganz besondere Aufmerksamkeit schenken und später sich bei der Überwachung nicht nur von rein praktischen und gesundheitlichen, sondern auch ästetischen Gesichtspunkten leiten lassen!
Bei der Kanalisierung wäre nach Möglichkeit der Charakter der engeren Uferlandschaft zu wahren, Bäume und Büsche möglichst zu belassen oder neu anzupflanzen. Treidelwege sind heute kaum noch erforderlich, da selbst jedes Bauboot mit Motorkraft angetrieben oder geschleppt wird. Durch Bäume und Büsche wird auch die am Gewässer heimische Vogelwelt erhalten! - Vor allem können auch Lager- und Badeplätze bei der Umformung des Flußlaufes geschaffen werden. - An den Stauwerken ist für eine gute Überführungsmöglichkeit (Schienentransportbahnen) für leichte Sportboote zu sorgen, und zwar zur unentgeltlichen Benutzung, denn die Wasserstrassen dienten von Alters her dem Verkehr. Daneben muß das Schleusen unentgeltlich oder gegen mäßige Gebühr möglich sein.
Bei Errichtung der Bauten, der Wehranlagen, Kraftwerke, Brücken trägt man glücklicherweise, im Gegensatz zu früheren Anlagen, dem Landschaftscharakter jetzt Rechnung, so zum Beispiel beim staatlichen Kraftwerk am "Letzten Heller" (Werra). Auch wichtige historische Brücken (z.B. die bei Witzenhausen und die bei Creuzburg a. d. Werra) werden nach Möglichkeit erhalten.
Bei aller Freude an unberührter Natur dürfen wir auch nicht verkennen, daß uns die Schifffahrt lebhafte und oft in ihrer Art malerische Bilder bietet. Fühlen wir uns mit ihr doch ein wenig verbunden. Auch das Binnenschiff, von den Seehäfen aus weit ins bergige Herz unseres Vaterlandes dringend, grüßt uns von der "Waterkant", vom weiten Meer.
Die fortschreitende "Beengung" unserer wichtigeren Gewässer sollte uns aber auch ein Ansporn sein, unsere Belange auf die kleineren, nicht schiffbaren Gewässer nachdrücklichst geltend zu machen (Aufhebung von Befahrungsverboten, Umtragegelegenheiten an Wehren, usw.).
Zum Schluß sei noch darauf hingewiesen, daß die Stauhaltungen der kanalisierten Flüsse für den örtlichen Kanu- und Rudersport gewisse Vorteile bieten, zum Beispiel beim Training und in der Veranstaltung von Regatten, auch beim Segeln auf nahezu stromlosem Wasser.

Walter Diestel

 

März 1930

Lustfahrzeuge auf der Alster

Der "Hamburger Anzeiger" vom 8.3. bringt eine interessante Statistik über die in Hamburg registrierten Sportboote, die als Unterstreichung des Leitartikels dieses Heftes dienen mag.
"Was auf der Alster schwimmt und weder ein Dampfboot ist noch ein Schwan noch ein Kohlenschlepper, das ist ein Lustfahrzeug. Über diese Fahrzeuge mit dem lüsternen Namen führt die Polizei (nicht die aufgehobene Sittenpolizei) genau Buch und Statistik. Es müssen lange Listen sein, denn es gibt auf der Alster nicht weniger als 16072 Boote und ebenso viele Schiffer auf kleiner Alsterfahrt, die Käppen Ohlsen von der Alsterpolizei ob ihrer hanebüchenen navigatorischen Unkenntnisse an Großkampftagen zur Verzweiflung bringen können.
Erdrückend durch ihre Zahl die Kanadier, deren es über 9000 gibt. Von ihnen sind 8999 auf den Namen kleiner Mädchen getauft. Vorsichtige Schiffer wählen auswechselbare Messingbuchstaben oder bevorzugen für die Namensaufschrift Wasserfarben, weil die Olly von 1928 im Jahre 1929 auf Lilo hört und sich 1930 in eine Kathi vom Isebeck verwandelt.
9000 Kanus das heißt mindestens 81000 Kissen; denn unter dreiviertel Dutzend weicher Pfühle geht kein echter Kanusportler auf große Fahrt. Die 1626 Paddelboote benutzen die Alster nur als Heimathafen. Ihr Feld sind die Elbe und die Nebenflüsse, zu denen sie sich Sonnabends zur Unterhaltung der Fleetenkieker an den Alsterarkaden durchschleusen lassen.
An Flachbooten , diesen schwimmenden Familiendiwans, die vor Jahren einmal groß in Mode waren, zählt man immernoch rund 1500. Wahrscheinlich ebenso viele Vasen. Der Schrecken aller Alsterelegants sind die 1350 Ruderboote , vor deren weitausladenden Riemen und westengeschmückten Ruderern alles Reißaus nimmt. Besondern neckisch gebärden sich diese Galeeren im Gedränge der Fährhausbucht. 842 Segelboote nehmen sich gegenseitig den Wind aus den Segeln. Die Aristokratie der Alsterbewohner aber flitzt in 331 Rennbooten einher. Sämtliche Übrigen 15700 Lustfahrzeuge werden von diesen feudalen Sportjünglingen nur als störendes Treibholz angesehen, das höchstens an Renntagen als festliche Staffage geduldet werden darf.
Über 16000 Schiffer auf kleiner Alsterfahrt! Für viele wird daraus eine große Lebensfahrt. Von wegen der 81000 Kissen."
Von etwa 14000 Paddelbootsbesitzern, also rund 10000, die nicht am Kanusport interessiert sind (Kanadier und Punts) gehen etwa 3-4000 Kanufahrer (Kajak, Kanadier, Faltboot), die zum größten Teil für den Verband in Frage kommen, denn auch unter den Kajak- und Faltbootbesitzern sind viele "Lustfahrer". Die Zahl der Faltboote ist gewiss viel größer, denn nur ein kleiner Teil der Faltbootfahrer läßt seine Boote registrieren, um damit die Erlaubnis zum Befahren der Alster zu erhalten.

H. S.


April 1931

Der Bootsname

Nur eine weiche Birne noch
Nach grausig zergrübelten Wochen.
Der Schädel das reinste Binger Loch
Vom Spinnen und Sinnen noch und noch
In grausig zerdachten Wochen.

Ein Mille Zigaretten blauer Dunst
Bei qualvoll marterndem Denken,
100 verkehrte Kaffees verhunzt,
Ein ganzes Großhirn aufgeschlunzt
In dem Gedankenverrenken.

Seegeier, Reiher, Bachstelze, Vagant,
Ideen mit Hemmungen raufen.
Aquadolch, Lustmolch, Très élégant,
All schon genannt, all schon bekannt.
Götter, wie soll ich es taufen?

Und wieder schlägt 2 die Kirchenuhr,
Der Schädel gähnende Weite.
Der Ober macht zum Zahlen die Tour,
Kein Geld mehr im Beutel, hier meine Uhr
Mit goldenem Deckel, behalt' sie nur.

Ich taufe den Zweier "Pleite".

(von Ferdi Mindt)

 

Juni 1931

Das gelobte Land der Paddler

Nun, was für ein anderes Land könnte hier wohl gemeint sein als Finnland, das Land der tausend Seen.Man sagt heute zwar nicht mehr tausend Seen, sondern dreißigtausend. Doch steigt die Zahl nicht etwa mit der Zunahme der Reisepropaganda, sondern es sind tatsächlich so viele Seen im Lande und einige hundert dürften noch in Reserve gehalten sein.
Aber weiter, warum ist Finnland das gelobte Land der Paddler? Nun, weil man überall anlegen darf, überall Feuer anmachen und Fische fangen darf, vorausgesetzt, daß man nicht ganze Wälder abbrennt und mit großem Zeug fischen will.
Finnland ist das Land der hellen Nächte, man braucht im Sommer keine Kerzen und keine Bootslaternen. Daher sind die Reisen im Lande auch so billig.
Finnland ist auch das Land, wo mir der Mann namens Stromschnellenblume den Hecht von mehreren Pfund schenkte und der Bauer Tanno Kotilainen über den ganzen Fluß hinweg rief: "Kavihla-saksalainen-kavihla-kavihla!" Ich möchte Kaffeetrinken kommen. Kaum war ich an Land, da stieg am Mast das weiße Tuch mit dem lustig-blauen Kreuz. Knatternd kündete es den Nachbarn: ich hab' Besuch, ich hab' Besuch.
Und dann erst der Salomon von Nenaniemi, der Salomon Löppönen, der erst garnicht begreifen konnte, woher und wieso ich zu diesem einsamen Hof gekommen war, und der mir erst Fisch, dann Brot und Käse brachte, schließlich auch noch die Sauna, die finnische Badestubeheizte, ehe er begriff, daß ich mit allen meinen Gesten nur um Nachtlager und Schutz vor dem dauernden Regen bat. Dann schleppte er alle Felle und Decken aus dem Hause, um mir ein prächtiges Lager zu bereiten. Drei Tage regnete ich ein. Jeden Tag bekam ich eine immer größere Schüssel Dickmilch, nur weil es mir schmeckte.Am vierten Tage floh ich aus Angst vor einem weiteren Wachstum der Schüssel, denn ich hätte es dem alten Salomon nicht antun mögen, sein Gastmahl auch nur teilweise auszuschlagen.
Das alles ist Finnland, echt und recht ein Land für Robinsonaden. und wer hätte nicht Lust, frei umherzuziehen, von Ost nach West, von Nord nach Süd. Alle Möglichkeiten sind gegeben, und gerade in diesem Jahre liegen sie besonders nahe, da eine Gesellschaftsreise von Danzig aus organisiert wird, die in mehreren Gruppen das Land durchstreifen will.
Auf, auf ins gelobte Land der Paddler, dahin, wo Milch und Wasser fließt. Wer aber Bier mehr liebt als Milch und Wasser und helle Nächte, der bleibe lieber daheim, denn das Bier in Finnland ist so schwach, das es kaum aus der Flasche laufen kann. Alles andere aber ist gut, - sogar die Menschen.

(Artur Nikolaus)

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